Verschlafen. Verdammt, das ist mir seit Jahren nicht passiert. Handywecker nicht gehört oder Aktivierung vergessen? Egal, die Presseschau ist trotzdem Pflichtprogramm. Aber dann gleich aufs Schlimme: AfD-Mann Höcke möchte bei einem Wahlsieg die thüringische Zweigstelle des "Weltsozialamts Deutschland" schließen. Geht das überhaupt? Oder wird der Hesse die Sezession seiner thüringischen Wahlheimat vorantreiben? Zurück zur deutschen Kleinstaaterei? Warum eigentlich nicht? Bekanntlich waren Voltaires Bemerkungen zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation – es sei weder heilig, noch römisch, noch ein Reich – seinerzeit durchaus positiv gemeint.
Jedenfalls wird am 1. September in Thüringen gewählt. Ausgerechnet am Weltfriedenstag. Will die AfD einen neuen Krieg? Ist die Namensgleichheit Höckes mit Adolf H. wirklich nur Zufall? Plant die AfD die Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen? Und welche pragmatische AfD-Verhinderungskoalition wird am Ende herauskommen? Deutschland? Jamaika? Kenia? Wissen die Jamaikaner*innen und Kenianer*innen, dass ihre Landesfarben hierzulande politisch vereinnahmt werden? Wenn ja, interessiert es sie? Oder haben sie möglicherweise ganz andere Probleme?
Könnte jedenfalls interessant werden. Vielleicht aber auch nicht. Am Ende wohl allenfalls eine Fußnote in der Geschichte.
Abgesehen davon wäre Ephraim Kishon heuer 100 geworden. Ich kann nicht behaupten, je etwas von ihm gelesen zu haben, aber sein Satz "Manchmal ärgere ich mich darüber, dass es mir nicht gelingt, mich davon zu überzeugen, dass ich keinen Grund habe, schlecht gelaunt zu sein." gefällt mir irgendwie.
Zurück zu meiner Nichtswürdigkeit. In dieser Woche verbrachte ich zwei Vormittage damit, mich durch möglicherweise passende Stellenanzeigen zu klicken. Was mich dabei irritierte: die Intros. Sie lasen sich oft so, als wäre der Autor auf Koks gewesen. Grundtenor: "Willst du mit uns die Welt zu einem besseren Ort machen?" Seriously?
Ganz ehrlich: not really. Dazu absurd lange Qualifikationslisten, die meist darauf hinauslaufen, dass der erfolgreiche Kandidat praktisch sein gesamtes bisheriges Leben damit verbracht haben sollte, sich auf diese eine Stelle bei dieser einen Firma vorzubereiten. Als erfahrener Professional kommt man sich dabei gelinde gesagt ein wenig verarscht vor. Suchen die erwachsene Menschen oder sind wir hier im Kindergarten? Wahrscheinlich letzteres, denn die meisten Anzeigen vermitteln durch die Blume, dass sie an älteren Arbeitnehmer*innen (also ab 30) nicht wirklich interessiert sind. Bei aller Diversity ist "Ageism" offenbar sehr wohl noch ein Thema, wie der LinkedIn-Post eines gestandenen Medienprofis suggerierte.
Dass ich nicht der einzige, nun ja, mehr oder weniger, normale Mensch bin, wurde mir klar, als ich auf LinkedIn die Einleitung eines Buches las, das die exzessive Fokussierung auf einen herbeigeredeten hehren "Purpose" ebenfalls kritisch zu sehen scheint. Der Autor heiĂźt Attila Albert und der erste Teil seines Buchtitels gefiel mir gut: "Ich brauch keinen Purpose, sondern Geld".
Der zweite Teil stimmte mich schon skeptischer: "So finden Sie den Job, der wirklich zu Ihnen passt". Herr Jemineh, ein weiteres Self-help-Buch, das seine potentiellen Leser*innen (und außen) mit der klaren und prägnanten Beschreibung eines real vorhandenen, im offiziellen Diskurs wenig präsenten Zustands oder Gefühls (Demotivation, Armut, geringes Selbstwertgefühl etc. pp.) lockt und ihnen im zweiten Schritt den Weg weist, trotz aller Widrigkeiten doch zum "Erfolg" zu gelangen. Oder hat Attila der Coachingkönig tatsächlich einige todsichere Tipps im Ärmel? Lohnt es sich, 18 Euro für sein Buch auszugeben? Ich denke weiter darüber nach.
Das bringt mich zurück auf eine Idee, die mir Anfang des Jahres kam. Der Anlass: ein Pflichttermin des Arbeitsamtes, zu dem ich am Ende eines einjährigen AA-Sabbaticals geladen wurde. Der fand zur Einschüchterung der Kandidat*innen nicht in in der Agentur, sondern im sogenannten "Jobcenter" statt. Message: Hier landet ihr, wenn ihr bis zum Ende eures ALG-I-Zeitraumes keinen Job gefunden habt, zusammen mit all den anderen arbeitsscheuen oder unvermittelbaren Losern, über die FDP, CDU und AfD derzeit so gern herziehen.
Die Gruppenveranstaltung mit etwa 80 (!) Teilnehmern war dann jedoch erfreulich nüchtern und unemotional. Eine Fachkraft für Arbeitsvermittlung gab nochmal Tipps zur Jobsuche, ein Experte für Zeitarbeit hielt einen Impulsvortrag über die Großartigkeit derselben, und ein im Amt ergrauter, fülliger Herr informierte uns zum Burgergeld (das ich persönlich für eine gute Idee halte: Jeder sollte sich einen Burger leisten können).
Während der Vorträge schaute ich mich neugierig um: Niemand der hier Versammelten machte einen schwer vermittelbaren Eindruck. Überwiegend Menschen in meinem Alter, einige jünger, andere ein bisschen älter, aber überwiegend sympathisch und irgendwie out of the box. Zweifelnd. Reflektiert. Nicht ins Schema eines erfolgreichen Arbeitnehmers passend. Es gab wenige, die ich mir nicht als Kollegen vorstellen konnte. Dann die Idee: Vielleicht sollte man mit diesen Menschen etwas machen, sich vernetzen, etwas gründen, vorantreiben, bewegen. Keine Partei, sondern eine Art "Common-Sense-Initiative"? Einen wirklichen "Change-Prozess" anstoßen?
Schöne Idee (vielleicht), aber am Ende der Veranstaltung ging natürlich jeder seiner Wege, zurück in die eigene, ganz private Misere. Vergesellschaftung also eher unrealistisch. Waren wohl ohnehin auch alles Individualisten. Trotzdem irgendwie ein gutes Gefühl: You are not alone.
Wo war ich stehengeblieben? Ach so, nirgendwo. Auch mal ganz schön. Da stehe ich sowieso meistens. Aber die Sache mit dem Purpose beschäftigt mich schon. Diese Obsession mit der vermeintlich "guten" Sache, die man vertrete, mit moralisch unangreifbaren Maximalpositionen, Meinungen, Haltungen. Die aggressive Abwehr abweichender Ansichten und die Diffamierung Andersdenkender. Der Glaube, dass man die absolute Wahrheit für sich gepachtet habe. Vielleicht ist "Glaube" das Schlüsselwort. Der Glaube erlebt – das ist zumindest mein Eindruck – gerade eine beunruhigende Renaissance. Und mit dem Glauben die Intoleranz. Das Tunneldenken. Ich kann mich täuschen, aber das riecht verdächtig nach Fundamentalismus.
Dem bleibt eigentlich wenig hinzuzufügen. Außer dass mir die Lektüre eines Artikels der sizilianischen Autorin Viola Di Grado zum Heimathass ihrer Landsleute das schöne, vielleicht auch auf den deutschen Osten anwendbare Wort "Herkunftsscham" ins Gedächtnis zurückrief. Und mir die Deutsche Post oder vielmehr DHL (Was heißt das eigentlich?) vor einigen Tagen das vielleicht noch schönere (Un-)Wort "Briefzustellkraft" bescherte. Wenn das der gute alte Briefträger wüsste ...
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