Lektüre: Karl Ove Knausgård "Sterben". Kein besonders lebensbejahender Titel. Habe ich vor Jahren schon mal probiert und dann wieder aus der Hand gelegt. Zu viel Alltag. Erfolglosigkeit, Kinderaufzucht und so Zeugs. Hatte ich selbst genug davon. Aber warum nicht nochmal versuchen? So richtig springt der Funke auch diesmal nicht über. Er schreibt über die Wutausbrüche seiner Tochter und konstatiert, dass Empfindsamkeit und Willensstärke eine schwierige Kombination seien. Wie immer befrage ich mich gleich selbst, ob ich betroffen bin. Urteil: Empfindsamkeit vielleicht, Willensstärke seit jeher nicht vorhanden. Gerade noch einmal davon gekommen.
Sonntag, 7. Juli 2024
Interessantes Unkaut
Gegen Mittag Ankunft im Schrebergarten. Der erste Besuch seit Wochen. Welcome to the jungle. Beim Jäten kommt mir eine merkwürdige Pflanze ins Gehege. Laut Pflanzen-App handelt es sich um einen Stechapfel. Giftig. Interessant. Weitergehende Recherchen ergeben, dass die Samen im Mittelalter aufgrund ihrer halluzinogenen Wirkung in Hexensalben verarbeitet wurden. Außerdem steckte man Pferden die Blätter des Stechapfels in den Mastdarm, um ihnen mehr Temperament zu verleihen und sie teurer verkaufen zu können. Das Rauchen der Blätter sollte auch gegen Asthma helfen. Die Pflanzenteile und Samen können als Tee eingenommen werden. Bei den im Stechapfel enthaltenen psychoaktiven Substanzen handelt es sich um die Alkaloide Hyoscamin und Scopolamin. Wer das zu sich nimmt, verliert angeblich jedes Zeitempfinden und erfährt einen psychoseähnlichen Zustand mit starker Angst. Dabei kann es wohl zu Hallizunationen kommen, die sehr real erscheinen. Moment mal. Scopolamin? Richtig, Geheimdienste verwenden das, um Gefangenen Geheimnisse zu entlocken. Macht willenlos und darüber hinaus wohl auch gesprächig. Man plaudert aus, was man eigentlich für sich behalten will. Mir bekannt aus dem Rias-Hörspiel "Professor van Dusen in Marokko". Da wird der Journalist und Erzähler Hutchinson Hatch von einem kaiserlich deutschen Geheimpolizisten namens Dr. Maximilian Grunzbach mit Scopolamin "behandelt". Leider umsonst, denn die Antwort auf die gestellte Frage kennt er nicht. Kurze Überlegung meinerseits, ein wenig Scopolamin für den Hausgebrauch zu destillieren. Aber wer aus meinem Umfeld hat Geheimnisse, die mich so brennend interessieren, dass ich eine tödliche Überdosierung in Kauf nähme? Mir fällt keiner ein. Also auf den Kompost damit.
Dienstag, 4. Juni 2024
Propaganda und Pessoa
Gestern wieder einen relativ detaillierten Frontbericht aus dem Raum Charkiw gelesen. Die Karten erinnern wie immer an den Ersten oder Zweiten Weltkrieg. Nebenbei erfahren, dass ein ukrainischer Frontabschnitt vom "Russischen Freiwilligenkorps" (RDK) unter dem Kommando des russischen Rechtsextremisten und Hooligans Denis Kapustin, alias Denis Nikitin, gehalten wird. Ebenfalls beim RDK dabei: Alexei Lewkin, Gründer der "Wotanjugend", Organisator des Asgardsrei Festival für National Socialist Black Metal (NSBM) und Sänger der NSBM-Band M8l8th (steht wohl für „Heil Hitler“). Nikitins erklärtes Ziel ist die Zerschlagung des russischen Rumpfimperiums und die Gründung eines reinrassig russischen Nachfolgestaates.
Der Autor des Artikels weist vorsichtig darauf hin, dass das Engagement dieser Einheit, auf deren Unterstützung die Ukraine aufgrund der angespannten militärischen Lage leider nicht verzichten könne, die ukrainische Position im "Informationskrieg" erschwere, weil sie bedauerlicherweise das putinsche "Neonazi-Narrativ" bediene.
Bleibt mir nur der Rückgriff auf Fernando Pessoas "Buch der Unruhe". Darin attestiert sich der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares
"eine tiefe, ekelerregende Verachtung für all jene, die für die Menschheit arbeiten, für all jene, die sich für das Vaterland schlagen und ihr Leben für den Fortbestand der Zivilisation geben" und "für jene, die nicht erkennen, daß die einzige Wirklichkeit die eigene Seele ist und alles übrige - die Außenwelt und die anderen Menschen - ein unästhetischer Alp, hervorgerufen durch eine Verdauungsstörung des Geistes, wie sie sich in Träumen äußert."
Er fährt fort:
"Mein Widerwille gegen jede Anstrengung wird angesichts jeglicher Form unmäßiger Anstrengung zu einem fast gestikulierenden Entsetzen. Der Krieg, die produktive, entschlossene Arbeit, die Unterstützung anderer ... all das scheint mir nur mehr das Produkt einer Schamlosigkeit zu sein, [...] Und angesichts der höchsten Wirklichkeit meiner Seele schmeckt mir alles Nützliche und Äußerliche, verglichen mit der unumschränkten, reinen Größe meiner lebendigsten und häufigsten Träume, frivol und banal. Sie sind für mich weit wirklicher."
Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014, S. 43f.
Illustration nach einem Foto von Fernando Pessoa von waldryano via pixabay
Was macht eigentlich ... das Kosovo
Montag, 3. Juni 2024
Vielleicht-Taschen
Bei der Lektüre von Frederick Forsythes Thriller "Des Teufels Alternative" (1979) stoße ich auf folgende Passage:
Beide Männer trugen Aktentaschen, wie sie alle sowjetischen Männer zu tragen scheinen. Diese Taschen enthalten keineswegs Akten, sondern sind das männliche Gegenstück zu den „Vielleicht-Taschen“, den Einkaufsnetzen der sowjetischen Frauen. Diese Taschen verdanken ihren Namen der von jedem Sowjetbürger gehegten Hoffnung, auf einen Gebrauchsartikel zu stoßen, vor dem sich noch keine Schlange gebildet hat oder der noch nicht am Ausgehen ist.
Weitere Recherchen führen mich auf die Seite von "Russia Beyond". Dort erfahre ich den russischen Namen der "Vielleicht-Tasche": Awoska (авоська). Und lerne, dass man das nicht so einfach mit "vielleicht" übersetzen kann. Eher mit „auf gut Glück“ oder „mit etwas Glück“. Ein weiterer Fall von Lost in Translation, wie es scheint.
In der DDR, wo ähnliche Einkaufsnetze ebenfalls kursierten, war die sowjetische Bezeichnung meines Wissens unbekannt. Was nicht weiter erstaunlich ist, denn den Mangel, auf den die Netze zurückgingen, gab es offiziell ja gar nicht.
Wie gravierend er in der Sowjetunion tatsächlich war und welche absurden Folgen er hatte, verdeutlicht ein Auszug aus Hedrick Smiths Bestseller "Die Russen" aus dem Jahr 1976, dessen Lektüre ich ebenfalls sehr empfehle.
Vieles darin wird auch dem Ex-DDR-Bürger bekannt vorkommen, obwohl die UdSSR – das wird schnell deutlich – auch im Hinblick auf Mangel, Korruption und Schwarzhandel ihren Satelliten weit voraus war.
Das obige Bild soll laut KI-Bildgenerator Midjourney übrigens ein Lebensmittelgeschäft im Moskau der Siebzigerjahre darstellen. Von dem darin suggerierten Warenangebot konnten sowjetische Konsumenten allerdings seinerzeit nur träumen. Was einmal mehr die vorläufig noch sehr engen Grenzen der sogenannten künstlichen Intelligenz aufzeigt.
Freitag, 31. Mai 2024
Alles ist eitel
Es ist alles eitel
Donnerstag, 30. Mai 2024
Wort des Tages: Oikophobie
"Oikophobie ist die Angst und Abscheu vor der eigenen Kultur. Sie steht im Gegensatz zur Xenophobie, der Angst vor dem Fremden und Anderen."
Schreibt Marc Neumann heute unter Bezug auf Benedict Beckelds 2022 erschienenes Buch Western Self-Contempt: Oikophobia in the Decline of Civilizations.
Demnach ist Oikophobie ein Symptom für Niedergang und Dekadenz und folgt wohl unvermeidlich auf Erfolg, Triumph und Macht. Man wird satt und faul, langweilt sich im als selbstverständlich erachteten Wohlstand und beginnt schließlich, sich vor sich selbst zu ekeln. Man lässt kein gutes Haar an der eigenen "Zivilisation", sucht Ablenkung und Inspiration beim Anderen, Fremden. Sympathisiert mit den vermeintlich Unterdrückten, die ihre Opferrolle geschickt konstruieren und ausnutzen, um an die Fleischtöpfe der einstigen Eroberer zu gelangen, oder selbst zu Eroberern zu werden.
Beispiele: Athen, Rom, vielleicht auch das British Empire.
Angeblich prominenter Vertreter: mein Lieblingsphilosoph, der Kyniker Diogenes von Sinope. Der "hinterfragt sich bis hin zum Selbsthass", "rümpft über alles Griechische die Nase, entsagt im Fass dem griechischen Leben" und bezeichnet sich als "kosmopolites".
In seinem kurzen Essay schlägt Neumann den Bogen zu den woken westlichen Wohlstandskindern, die heute im Chor mit Islamisten das Ende Israels und/oder Amerikas fordern.
Ich frage mich, was der nackte Diogenes in seiner Tonne wohl dazu gesagt hätte. Wahrscheinlich hätte er nur verächtlich ausgespuckt.
Bild: Jean-Léon Gérôme "Diogenes" (1860), Walters Art Museum.







